Auf Augenhöhe: Ringen als kulturelle Praxis
Ringen ist nicht nur ein physischer Kampf- und Kraftsport. Ringen kann als metaphorischer Akt verstanden werden. In der Kulturellen Bildung kann er tiefere innere und gemeinschaftliche Prozesse des gegenseitigen Aushandelns aufrufen. In seiner essenziellen Form geht es beim Ringen nicht nur um das bloße Besiegen eines Gegenübers (oder des eigenen „Schweinehunds“ – im Falle des inneren Ringens). Es geht auch um einen fairen und feedbackorientierten Austausch auf Augenhöhe: Sportliches Ringen ist durch klare Regeln und einen abgesteckten Raum gerahmt. Die damit gesetzten physischen wie auch symbolischen Grenzen dienen nicht nur der Sicherheit und dem Schutz der gegeneinander Antretenden. Die Grenzen ermöglichen erst die respektvolle Auseinandersetzung mit dem Gegenüber.
Kulturelle Bildung bietet vielseitige Möglichkeiten, die Qualitäten des Ringens zu erfahren; oftmals im direkten physischen Kontakt mit anderen Menschen, etwa im Spiel, Tanz oder Theater. Das Fühlen der eigenen Wirksamkeit und Kraft, aber auch der eigenen Verletzlichkeit und Grenzen – wie auch die des Gegenübers – sind wichtige Voraussetzungen der Beziehungsfähigkeit, zu sich und zu anderen. In kreativen Prozessen, ob auf der Bühne, auf der Tanzfläche, beim Singen o. Ä., können die Akteur*innen ihre eigenen Komfortzonen verlassen und die körperlichen und emotionalen Grenzen in einem sicheren und geschützten Rahmen erforschen. Bei der Suche geht es nicht darum, das „Richtige“ zu tun oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Vielmehr stehen das ständige Hinterfragen und Umdenken des eigenen Ausdrucks, die Verortung und Positionierung im gesellschaftlichen und gemeinschaftlichen Kontext im Fokus. Ringen kann daher als eine Form des Wachstums- und emotionalen Reifungsprozesses verstanden werden, der Menschen dabei unterstützt, mündig und verantwortungsvoll zu denken und zu handeln.
Neben der körperlich-emotionalen Auseinandersetzung steht das Ringen in der Kulturellen Bildung für einen interaktiven Gruppenprozess des Debattierens und Aushandelns. Denn Uneinigkeiten und Ambiguitäten prägen das zwischenmenschliche Miteinander. Polarisierung ist oftmals die Antwort darauf. Doch wie bleiben wir bei allen Differenzen im respektvollen Kontakt miteinander? Inwieweit ist jeder einzelne Mensch bereit, eigene Argumente und Ideen abzuwägen, sich seinem Gegenüber anzunähern und Kompromisse zu schließen? Wie ist es möglich, eigene Positionen zu formulieren und zu verteidigen, ohne dabei den Blick für die Gemeininteressen und den Dialog zu verlieren? Und wie verändert sich der Gruppenprozess, wenn nicht um Macht und Deutungshoheit gerungen wird, sondern um Konsens und neue gemeinsame Perspektiven und Visionen?
Bei diesem Ringen, das so wertvoll ist für die konfliktreiche Zeit, in der wir leben, gibt es keine Verlierer*innen oder Sieger*innen. Das Ringen bringt fortwährende Aushandlungsprozesse, die von Haltung, Reibung und Respekt getragen werden. Transformation ist die Folge.
Autor*in: Jari Ortwig