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Die feine Kunst des Schummelns

Ich gestehe … Ich liebe es, im Spiel zu schummeln. Keine fiesen Tricks, sondern kleine heimliche Übertritte, die meine Gewinnchance vielleicht etwas erhöhen.

Ich glaube, ich bin nicht allein … Ich befinde mich in guter Gesellschaft. Schummeln scheint jedenfalls so populär zu sein, dass einige Spielprinzipien komplett darauf beruhen. Etwa bei dem Kartenspiel „Mogelmotte“. Dort dürfen Spielende alle Raffinessen des Mogelns ausschöpfen, quasi ihre kreativen Ideen des Schummelns umsetzten. Das Schöne ist, Spielende gehören mal zu den Schummelnden und wechseln auch mal auf die Seite der Rechtschaffenen – der Wächter*innen über Regeln und Anstand.

Generell liebe ich alle Spiele, in denen das Sabotieren, das Unterlaufen der Mehrheiten zur Spielmechanik gehört. Hier liegt der Reiz darin, im Verborgenen zu handeln, subversiv die Übermacht auszuhebeln; Strategien zu finden, den anderen den vorprogrammierten Sieg streitig zu machen, Regeln zu beugen oder neu zu interpretieren. Allerdings in einem Rahmen, der ein Gleichgewicht der Kräfte vorsieht. Es ist ein Ringen um den Sieg, in dem alle Beteiligten wissen, dass es Kontrahent*innen gibt. So trägt diese Mechanik auch zur Verweildauer im Spielen bei, ermöglicht Kniffs und Wendungen.

Schummeln ist sozusagen das Infragestellen der bestehenden Ordnung – jedoch nicht umfassend, sondern nur in Teilen. Schummelnde hinterfragen nicht das Regelwerk in Gänze, sondern versuchen, sich innerhalb dessen einen Vorteil zu verschaffen. Je nach Kontext sind kleine Schummeleien sogar sozial geduldet, da sie möglicherweise das Spiel am Laufen halten oder der Gesamtgruppe einen Vorteil in einer kooperativen Spielmechanik verschaffen.

Schummelnde sind also nicht per se Spielverderber*innen. Sie sind auch interessante Mitspieler*innen, die es im Auge zu behalten gilt, die aber auch mit Witz, Humor und kreativen Einfällen für unvorhergesehene Dynamiken sorgen können – vorausgesetzt sie schaffen es, den schmalen Grat zwischen Spielverderberei und unentdeckter Sabotage geschickt zu bewandern. Das Machtgleichgewicht zwischen den Spielparteien heißt es zu wahren, da sonst das Interesse – die intrinsische Motivation der Spielenden, im magischen Zirkel des Spiels zu verbleiben – aufgekündigt wird. In diesem System sind die Beteiligten daran interessiert, Ausgewogenheit herzustellen. Es geht darum, die Motivation aller zu fördern, die darin liegt, das Spiel entfalten zu lassen.

Im Spiel, im magischen Zirkel, wird so eine Fähigkeit trainiert, die in der echten Welt von großem Wert ist. Das Miteinander-Ringen – fröhlich, kreativ, spielerisch – ist ein gutes Rezept, anderen zu begegnen. Nicht nur den Ernst, die Angst (etwas) zu verlieren, regieren zu lassen, sondern miteinander zu verhandeln, bestehende Systeme kritisch infrage zu stellen und um Deutungshoheiten zu ringen. Ein gutes Training für eine Welt der Gegenpositionen!

Autor*in: Nadine Rousseau