Erinnerung ist kein neutraler Prozess – sie wird gestaltet, ausgehandelt und manchmal auch verdrängt. Während sich die Erinnerungskultur oft um klassische historische Ereignisse dreht, gibt es zahlreiche unberücksichtigte Erzählungen, die ebenso prägend für die Gesellschaft sind. Die Musik der Generation der Gastarbeiter*innen ist eine davon. Doch wer entscheidet, welche Erinnerungen einen Platz im kollektiven Gedächtnis erhalten?
Erst kürzlich entdeckte ich die CD-Compilation „Songs of Gastarbeiter Vol. 1“ aus dem Jahr 2013. Auf dieser CD versammeln sich Songs der ersten Generation türkischer Gastarbeiter*innen. Der Berliner Autor İmran Ayata und der Münchner Künstler Bülent Kullukcu durchforsteten die Musiksammlungen ihrer Eltern sowie Freund*innen und erstellten auf dieser Basis diese eindrucksvolle Compilation. Im Jahr 2022 folgte eine zweite CD mit weiteren Songs, auch aus jenen Ländern, die Teil des Anwerbe- abkommens mit der Bundesrepublik gewesen sind.
Im Jahr 2022 wurde im Fernsehen zudem die Dokumentation „Liebe, D-Mark und Tod – Aşk, Mark ve Ölüm“ ausgestrahlt. Sie erzählt die Geschichte einer eigenständigen Musikkultur der eingewanderten Menschen aus der Türkei, ihrer Kinder und Enkelkinder in Deutschland.
Beide Beispiele zeigen, dass mit der Arbeitsmigration Menschen nach Deutschland kamen, die nicht nur Geld verdienen, sondern auch leben wollten. Ihre Erfahrungen in Deutschland haben sie in Musiksongs verarbeitet. Leider ist diese Geschichte kaum sichtbar im Narrativ deutscher Erinnerungskultur und hat damit auch bislang keinen repräsentativen Ort im kollektiven Gedächtnis Deutschlands. Der französische Historiker Pierre Nora prägte den Begriff des „Erinnerungsorts“. Erinnerungsorte sind Referenzpunkte eines lebendigen Umgangs mit der Vergangenheit. Es können physische Orte sein wie etwa Denkmäler. Aber auch Mythen und Legenden, wie zum Beispiel das „Nibelungenlied“, können einen Erinnerungsort darstellen, sofern sie eine symbolhafte Bedeutung für eine soziale Gruppe oder Gemeinschaft haben. So dürften doch auch die „Songs of Gastarbeiter“ im kollektiven Gedächtnis Deutschlands einen Erinnerungsort bilden. Schließlich hat es sogar der deutsche Schlager in das dreibändige Werk „Deutsche Erinnerungsorte“ der Historiker Ètienne François und Hagen Schulze geschafft.
Es bleibt allerdings ein Ringen um die Deutungshoheit, um die Frage, welche Erinnerungen für das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft relevant sind und welche nicht. In einer postmigrantischen Gesellschaft, die Deutschland mittlerweile darstellt, kommt es zu sozialen und kulturellen Aushandlungsprozessen über Rechte, Zugehörigkeit und Teilhabe von Migrant*innen und Nicht-Migrant*innen. Hier dürften – oder sollten sogar – Fragen zu relevanten Narrativen und damit verbundenen Erinnerungsorten Gegenstand kultureller und sozialer Aushandlungsprozesse sein. Wie das Ringen um einen sichtbaren Platz im kollektiven Gedächtnis ausgeht, bleibt offen.
Autor*in: Prof. Dr. Bünyamin Werker