Sir Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, rief bereits 2018 mit seinem „Contract for the Web“ Regierungen, Unternehmen und Nutzende dazu auf, sich für ein offenes, faires und sicheres Internet einzusetzen. Ist dieser Contract heute noch relevant?
Als Grundprinzipien für ein freies Internet formuliert Berners-Lee darin vor allem (denken Sie gern kurz darüber nach, ob sie noch zustimmen!):
- Universeller Zugang, unabhängig von Standort oder sozialem Status
- Offener Informationsaustausch, frei von Zensur
- Dezentralisierung, um Kontrolle zu verhindern und Widerstandsfähigkeit zu fördern
- Interoperabilität der Systeme und Plattformen durch offene Standards
- Schutz der Privatsphäre und nutzer*innen-bestimmte Datenerhebung
- Netzneutralität durch garantierte Gleichbehandlung aller Daten im Netz
- Teilhabe an und Mitgestaltung von Inhalten und Technologien durch die Nutzer*innen
- Transparenz, um Entscheidungen und Funktionsweisen des Internets nachvollziehbar zu machen
- Inklusivität unter Ausschluss jeglicher Diskriminierung
- Technische und soziale Nachhaltigkeit
Die Realität sieht anders aus, denn inzwischen ist die Mehrzahl der Grundprinzipien obsolet und das freie Internet nicht mehr gesichert. Stellt sich die Frage: Worin liegen die Ursachen? Und: Teilen sich nicht inzwischen die großen Tech-Giganten das Internet unter sich auf? Die Social-Media- und KI-Entwicklungen geben Aufschluss:
Datenmonopolisierung
Social-Media-Plattformen sammeln riesige Mengen an Nutzer*innen-Daten zur Verbesserung ihrer KI-Algorithmen. Diese Daten sind exklusiv oft nur wenigen großen Unternehmen zugänglich, was zu einer Monopolisierung führen kann. Ein freies Internet dagegen fördert den offenen Zugang zu Daten und Wissen für eine breite Öffentlichkeit.
Personalisierte Werbung
KI erstellt personalisierte Werbung auf Basis individueller Nutzer*innen-Daten. Dies maximiert die Einnahmen der Plattformen, führt aber auch zu einer Überwachungswirtschaft. Ein freies Internet umfasst den Schutz der Privatsphäre, personalisierte Werbung und die damit verbundene Datensammlung stehen dazu im Widerspruch.
Algorithmische Filterblasen
KI-Algorithmen auf Social-Media-Plattformen filtern Inhalte, um die Verweildauer der Nutzer*innen zu verlängern. In diesen Filterblasen sehen Nutzer*innen nur noch Inhalte, die ihre bestehenden Ansichten bestätigen. Dies kann zu einer Polarisierung der Gesellschaft führen. Ein freies Internet zeigt die Vielfalt von Meinungen und Informationen.
Intransparenz und Kontrolle
Algorithmen, die Social-Media-Plattformen steuern, sind oft intransparent für Nutzer*innen und werden von den Unternehmen streng kontrolliert. Ein freies Internet setzt auf Transparenz und Kontrolle durch die Nutzer*innen und schafft ein Gleichgewicht der Machtverhältnisse.
Wettbewerbsverzerrung
Große Social-Media-Plattformen nutzen ihre Ressourcen und Daten, um ihre KI-Technologien weiterzuentwickeln und kleinere Wettbewerber auszustechen. Ein freies Internet fördert die Innovation und den Wettbewerb, auch mit Beteiligung kleinerer Akteure.
Ethik und Verantwortung
Der Einsatz von KI auf Social-Media-Plattformen wirft ethische Fragen auf, die oft zugunsten einer Gewinnmaximierung vernachlässigt werden. Ein freies Internet fördert ethische Standards und das Verantwortungsbewusstsein.
Vor allem die kapitalistischen Gewinnabsichten von Social-Media-Plattformen und die damit verbundene KI-Entwicklung kollidieren mit der Vision eines freien Internets. Die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und den Prinzipien eines offenen, transparenten und fairen Internets ist eine zentrale Herausforderung.
Eine Frage bleibt dabei: Welche Möglichkeiten haben wir als Nutzende, den Tech-Giganten etwas entgegenzusetzen? Reicht es, nach Alternativen Ausschau zu halten? Die kulturelle Bildungsarbeit kann über Missstände aufklären und damit die individuelle Entscheidungsfreiheit fördern. Getreu dem Motto: „Erst denken, dann klicken!“
Autor*in: Horst Pohlmann
→ Mehr dazu finden Sie auf der Website der Initiative Bildung und digitaler Kapitalismus: bildung-und-digitaler-kapitalismus.de