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Ringen um die Wirklichkeit

Auseinandersetzungen mit Respekt statt Rigidität

Wir leben in einer Zeit, in der sich gesellschaftliche Fronten extrem verhärten – mehr noch: Diskurse sind zunehmend von Kampfrhetorik geprägt. Kampfansage? Hier lohnt ein Blick auf das Ringen als Kampfkunst sowie als Metapher. Ringen ist ein Wettkampf mit klaren Regeln, zeitlich wie räumlich begrenzt, bei dem es nicht um die Vernichtung, sondern um Auseinandersetzung geht. Wer ringt, hat einen Standpunkt, aber keine*n Feind*in – er hat eine*n Gegner*in, die zugleich Partnerin im Wettstreit ist. Egal, wer gewinnt oder unterliegt – beide Seiten erleben Respekt.

Solch eine kontaktstarke Form der Auseinandersetzung ist auf gesellschaftlicher Ebene offenbar nicht angesagt. Leise und vernünftige Tonfälle gehen unter. Und wenn der Puls schon bei über 120 liegt, ist ein Stress-Level erreicht, das kognitiv einschränkt und das richtige Zuhören erschwert. Also wird niedergekämpft und – nicht nur verbal – vernichtet: Laut UNICEF-Bericht aus dem Jahr 2024 ist jedes fünfte Kind weltweit von Krieg betroffen. Das muss erschrecken!

Jeden Tag muss ich anerkennen, dass die zunehmende Komplexität unserer Welt viele Menschen rigoros überfordert. Die einen kämpfen sich durch ihren Alltag bis zur Erschöpfung, während andere in radikal vereinfachte Wirklichkeiten flüchten – sei es in populistische Lösungen durch gewaltvolle Grenzziehungsfantasien oder in idealisierte Vergangenheitserzählungen. Dabei geht mehr und mehr verloren, was Hartmut Rosa als „Resonanz“ beschreibt: Die Fähigkeit, mit Anderen und Anderem in eine wechselseitige Beziehung zu treten, die beide Seiten verändern kann.

Die digitale Kommunikation befördert die entfremdende Entwicklung. Abstrakte Interaktionen ohne „echten“ Kontakt können Bilder einer übermächtigen Gegnerschaft erzeugen; die Frustration über den Mangel an Resonanz führt zu Wut, die sich in Hass-Kommentaren und persönlichen Angriffen entlädt. Hier finden wir einen selbstverstärkenden zirkulären Schluss: einen Teufelskreis.

Gleichzeitig, so scheint es mir, leben wir in einer Kultur der zunehmenden Sensibilisierung für persönliche und kollektive Empfindsamkeiten. So schaffen es „Wutbürger*innen“, zur medialen Größe zu werden. Das Prinzip „Störungen haben Vorrang“ mag in der Themenzentrierten Interaktion für gruppendynamische Klärungen hilfreich sein, kann aber in seiner Verabsolutierung jeden konstruktiven Entwicklungsschritt blockieren, und wird damit zum Machtmittel. Auch hier ein Teufelskreis.

Ringen um „die“ Wirklichkeit? Aus konstruktivistischer Sicht lässt sich über die Wahrhaftigkeit der individuellen Wirklichkeiten nicht sinnvoll kämpfen – wohl aber über Schlussfolgerungen und Lösungsvisionen streiten. Gefragt sind also Begegnungsräume, in denen ein gemeinsames Ringen um Visionen einer lebenswerten Zukunft gelingt. Im respektvollen Ringen, nicht im vernichtenden Kampf, liegt die Chance für gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Als Prozessbegleiter*innen können wir solche Räume gestalten, im Klassenzimmer, im Therapie-Setting, in künstlerischen Prozessen. Hier kann Widerstand als Haltepunkt und Grenze kreativ wirksam werden, sogar Energie liefern. Das Feld der Kulturellen Bildung bietet Bühne wie auch Arena für konstruktive Auseinandersetzungen über lebenswerte Wirklichkeiten.

Autor*in: Dr. Thomas Reyer

→ Eine Langfassung des Beitrags gibt es im Podcast „Gedankenstich – aus dem systemischen Nähkästchen von Thomas Reyer“ unter: audio.threyer.de