Störfälle – die Kunst der Irritation
Was passiert, wenn Irritation zum kreativen Werkzeug wird? Wie kann sie in der Kunst, Therapie und Beratung dazu beitragen, verborgene Themen sichtbar zu machen? Marcel Sparmann, Theater- und Kunstschaffender, gibt Einblicke, wie er Irritation als performatives Mittel zur Erweiterung von Perspektiven nutzt und erklärt, warum es dabei auf den richtigen Moment der Störung ankommt.
Warum ist Irritation ein nützliches Momentum?
In der Performance-Kunst wie auch in der Beratung und Supervision begegne ich oft Momenten, in denen Dinge noch nicht greifbar oder aussprechbar sind. Sie sind bereits wirksam, aber in keiner bekannten Form. Dann kommt Inszenierung ins Spiel – in Supervisionsgruppen oder Einzelberatungen. Die Frage ist: Auf welcher Ebene kann ich diese Dinge adressieren? Sprache reicht nicht immer aus. Wenn die Worte fehlen, komme ich nicht weiter. Deshalb ist Irritation hilfreich. Sie bringt mich in die Aktion, heraus aus dem Rationalen. Ich arbeite mit dem Körper, mit Objekten, mit Formen, die nicht sprachlich sind. So adressiere ich etwas, das zu dem Zeitpunkt sonst nicht möglich wäre.
Ist Irritation ein Weg ins Unbewusste, um dort etwas hervorzuholen?
Genau. Alejandro Jodorowsky, Filmemacher und Schriftsteller, spricht in seiner – allerdings umstrittenen – Theorie der „Psychomagie“ davon, dass bestimmte Dinge im Unterbewusstsein nur durch die Sprache des Unterbewusstseins erreichbar sind, eine Sprache, die älter als das Wort ist: etwa durch Rituale, Symboliken, Körperliches. Probleme sind oft tief verankert, älter als die bewusste Reflexion. Jodorowsky arbeitet zur Bewusstmachung mit kleinen Aufgaben und Handlungsanweisungen.
Wie unterscheidet sich das Ringen mit Irritation in Kunst, Performance, Vermittlung und Therapie?
In der Performance geht es um das Ringen mit eigenen Ideen, Fragen, dem Raum, dem Material. Ich habe mit Feuer gearbeitet – da stellt sich die Frage: Wie übersetze ich eine Idee ins Material? In der Vermittlung geht es um das gemeinsame Ringen, das heißt, einen Raum zu schaffen, in dem Fragen betrachtet werden können, in dem wir Dinge riskieren und mutig sein können. In der Beratung liegt der Fokus auf Offenlegung. Ich biete eine Rahmung, die neue Sichtweisen ermöglicht. In der Performance bleibt manches magisch – ein brennendes Objekt hingegen muss ich nicht erklären. In der Beratung gebe ich Werkzeuge an die Hand, damit die Person selbst Deutungen finden kann. Vermittlung liegt dazwischen.
Ist es nicht ein Paradoxon, um Irritation zu ringen?
Ich habe gerade die Schlagzeilen in den Nachrichten überflogen und bekomme den Eindruck, dass Irritation zunehmend normalisiert wird. Bestehende Ordnungen und das Normative werden ausgehebelt. Das betrifft uns individuell, gesellschaftlich und familiär. Wie gehen wir damit um? Oft geben uns Rahmen und Grenzen Halt: ein definiertes Spielfeld, in dem wir uns ausprobieren können. Irritation öffnet Fenster, reißt Stücke aus Wänden. Derzeit werden überall Löcher in diese Strukturen geschlagen. Doch das Ringen um Irritation hat auch eine selbstwirksame Komponente. Wenn ich mich bewusst in diesen Raum begebe, bin ich vorbereitet auf das, was dort geschieht.
Irritation löst eine Form von Sicherheit auf. Gleichzeitig geht es in der Kinder- und Jugendarbeit oft um Safe Spaces. Was bietet Irritation in einem geschützten Raum im Vergleich zur Sicherheit des Alltags?
Zunächst einmal Lust und Leichtigkeit. Wenn ich weiß, dass der Rahmen sicher ist, kann ich eine Wirklichkeit erproben. Das kennen wir aus Geschichten und Narrativen – das „Als-ob“-Spiel erlaubt, verschiedene Szenarien zu durchleben und zu entscheiden, was davon ins Reale übernommen wird. Das ist hilfreich, weil es mich mir selbst näherbringt. Es ermöglicht auch den Umgang mit Schattenanteilen, die nicht integriert sind oder in Familie oder Freundeskreis nicht akzeptiert wären. Schauspieler*innen sagen oft, dass es großartig sei, Schurk*innen zu spielen – sie könnten das Normative verlassen. Das ist lustvoll.
Wann kann Irritation hinderlich sein?
Irritation ist eine Frage des Timings. Sie stellt Informationen zur Verfügung und zeigt Neues. Doch wenn eine Person, die ich berate, nicht stabil genug ist, kann sie überwältigend wirken. Dann verschließt sich schlimmstenfalls das System wieder. Ich muss also prüfen: Ist jetzt der richtige Moment? Ist es eine hilfreiche oder eine unnötige Information? Bin ich eingeladen zu irritieren? Unangemessene Irritation kann Türen schließen, anstatt sie zu öffnen.
Irritation ist dann produktiv und performativ nutzbar, wenn sie etwas entfaltet. Max Frisch sagt: „Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns.“ Irritation kann ein Moment des Entfaltens sein – um etwas Neues zu sehen.
Gibt es theatrale Mittel, um produktive Irritationen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu erzeugen?
Der Körper ist das wichtigste Mittel – immer vorhanden und doch oft unbekannt. Kleine Veränderungen irritieren schon. Rückwärtslaufen reicht aus, um das System durcheinanderzubringen. Zeit ist ein weiteres Mittel: Wenn ich das Schnürsenkel-Binden zwei Stunden lang ausdehne, irritiere ich die gewohnte Zeitwahrnehmung. Im Performativen funktioniert Irritation oft durch das Verschieben von Kontexten: Eine bekannte Handlung wird in eine neue Umgebung gesetzt, aus der gewohnten Zeit oder dem bekannten Rahmen des Körpers herausgelöst.
Was erwartet die Teilnehmenden in deinem Kurs 2026?
Viel Raum für eigene Arbeit, Reflexion und Experiment. Es geht um Selbstwahrnehmung und darum, über das Performative hinauszugehen. Die Methoden reichen von performativem und theatralem Arbeiten bis zu Bewegung aus dem Tanzbereich. Es wird hoffentlich lustvoll und poetisch?!
Interview: Torsten Schäfer
Marcel Sparmann aus Weimar arbeitet international als Künstler und Vermittler an der Schnittstelle zu Performance, Tanz und Kunst im öffentlichen Raum. Er ist Mitglied verschiedener Künstler*innen-Kollektive und künstlerisch-systemischer Therapeut. Kurs-Tipp: „Spiel mit der Störung“, 16.3. – 20.3.2026