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Über die Unmöglichkeit, in Genderfragen politisch korrekt zu schreiben …

Über die Unmöglichkeit, in Genderfragen politisch korrekt zu schreiben …

Sehr geehrte Menschen,

über das Thema Gender – also über Geschlechter-Konstruktionen, Rollenbilder und Machtverhältnisse – zu schreiben, ist für mich ein „Fettnäpfchen-Unterfangen“.

Entweder trete ich Ihnen aus Mangel an Einfühlungsvermögen für Ihre Individualität auf die Füße oder ich mäandere in Allgemeinplätzen, Phrasen und pseudo-intellektuellem Brain-Konstrukten herum, womit ich Ihnen vielleicht … auf die Füße trete? Oder ich äußere mich gar nicht. Oder der Komplexität des Themas gegenüber unangemessen. Oder meiner eigenen privilegierten Position gegenüber nicht reflektiert genug. Oder feministisch-hysterisch übertrieben? Oder normativ-angepasst und ignorant?

Soll ich Ihnen etwas über meine Ideen von politischer Korrektheit in Bezug auf Gender-themen erzählen? Dass die Gleichberechtigung von Mann, Frau, Transgender und all den anderen sexuellen Geschlechtern in Deutschland längst noch keine gelebte Realität ist? Dass sexuelle Orientierung (lesbisch, schwul, bisexuell, heterosexuell, pansexuell u. a.) mit geschlechtlicher Identität (Frau, Mann, trans*, nicht-binär, gendervariant, zwischengeschlechtlich u. a.) eben nicht gleichzusetzen ist? Dass es sich immer lohnt, diversitätsbewusst, klar, entschieden und radikal für die Rechte von Menschen einzutreten?! Auch auf die Gefahr hin, einigen Menschen auf die Füße zu treten und anderen nicht gerecht zu werden?

Maße ich mir dann nicht in Kolonialmanier als Vertreterin einer kleinen akademischen Minderheit gut situierter und mäßig gebildeter Wohlstandsgören an, Sie, also die angeblich in ihren Stereotypen gefangene Mehrheit, umerziehen zu wollen?

Oder befinde ich mich in der Mehrheit und darf über Gefühle und Lebensrealitäten von sogenannten Minderheiten überhaupt gar nicht schreiben, weil ich eben nicht der Minderheit angehöre? Und von welchen Mehr- und Minderheiten spreche ich hier überhaupt?

Als ob es der Fragen nicht schon genug wären, frage ich mich: Darf ich als weiße, weibliche, brillentragende, aus einer Arbeiterfamilie stammende, privilegierte, geschiedene, steuerzahlende, radfahrende, theaterliebende, systemische, atheistische, psychiatrieerfahrene, vegane Akademikerin von meiner individuellen Deutungshoheit Gebrauch machen und an dieser Stelle ein Statement zur Gender-Thematik abgeben?

Ich glaube nicht.

Und genau deshalb verzichte ich an dieser Stelle darauf und lasse Sie und mich mit all diesen Fragen zurück. Auch auf die Gefahr hin, dass ich Ihnen damit auf die Füße trete.

Vielen Dank und beste Grüße
Sandra Anklam

→ Autorin: Sandra Anklam, Fachbereichsleiterin Theater an der Akademie der Kulturellen Bildung

Illustration: © Sebastian Wegerhoff / moxie.de