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Kränkung oder Emanzipation? Wie KI unser gesellschaftliches Koordinatensystem verändert

Das Jahr 2023 wird in den Geschichtsbüchern den Beginn eines neuen Zeitalters markieren. Es wird einen Umbruch einläuten, der sicher nicht weniger bedeutend sein wird als der Beginn des industriellen Zeitalters oder die Einführung des Internets. Wenn auch das Tempo dieser gegenwärtigen Umwälzung ungleich schneller ist, stellt sich die Frage, ob rückblickend auch von den Anfängen einer großen emanzipatorischen Bewegung gesprochen werden kann. Markiert der Umbruch den Ausweg aus der Klimakrise? Bricht er die Monopole der auf lebenslangem Lernen basierenden Wissensgesellschaft? Bedeutet er den Anfang vom Ende aller menschlichen Errungenschaften der Aufklärung?

Die Literatur hat bereits Mitte des vergangenen Jahrhunderts mehr Gefallen an den Dystopien statt an der Heilung menschengemachter Ungleichheiten gefunden. Die Kulturpessimist*innen der Gegenwart haben mit dem Begriff des Postfaktischen die Zäsur bereits ausgemacht. Dabei ist die Revolution, die über uns mit der künstlichen Intelligenz (KI) – allem voran mit den Large Language Models (LLM) wie ChatGPT – hereinbricht, weitaus tiefgreifender als all jene Disruptionen, die im Zuge der Digitalisierung sämtliche Berufsfelder verändert haben. Gerade in Deutschland stecken wir sogar noch in dieser ersten Disruption fest.

Waren Informationen der Rohstoff der vergangenen Jahrzehnte, so entstehen aus diesem Rohstoff mit der KI als Katalysator scheinbar ohne menschliches Zutun nicht nur mannigfaltige neue Informationen, sondern ganze Wissenspyramiden. Der menschliche Spieltrieb, die Schöpferkraft und ihre Ergebnisse wurden den neuronalen Netzwerken statistisch anvertraut. Die Algorithmen blicken, ohne es zu wissen, eindringlich in die Systematik vergangener intellektueller Schaffenskraft. KI ist künstlich, aber auch organisch, sie schafft Bild- und Tongewaltiges, Textliches, kann Muster erkennen und den Alltag revolutionieren. Sie macht sicher zahlreiche Berufe langfristig überflüssig und überlässt uns offenbar nur noch die handwerklichen Nischen, so die schrillen Analysen der Gegenwart. Ja, das Füllhorn der KI verletzt uns zutiefst in ihrer unmittelbaren Überlegenheit, Immaterielles schneller und in scheinbar unendlichen Varianten zu erschaffen.

Wenn wir uns verwundert die Augen reiben, während der Bildgenerator Midjourney spielerisch berauschende Bilder erzeugt oder ChatGPT im Vorbeigehen ein Rollenspiel programmiert oder ein Drehbuch schreibt – und das synchron für Abertausende von Nutzer*innen der gleichen KI –, dann erwacht in uns neben dem Staunen auch die Ohnmacht. Das sagenhafte Orakel von Delphi in der Antike, streng von Dionyseus bewacht, gab nur einmal im Jahr Auskunft. Die KI von heute Millionen Mal innerhalb weniger Sekunden. Und jeden Tag werden neue, bessere, schnellere, effizientere und passgenauere Modelle veröffentlicht. Es wird bereits von der bewussten, generellen KI fabuliert, auch wenn sie noch Jahre entfernt sein mag.

All das stürzt uns von den Klippen der eigenen Hybris, Krönung der Schöpfung zu sein – ähnlich der Kränkung, die mit Einführung des kopernikanischen Weltbilds einherging. War nicht mit uns als zentral Schöpfende das Primat verbunden, biblisch über all jene Kreaturen zu herrschen, denen nicht diese göttliche, nietzscheanische Schöpferkraft innewohnte? Dabei ist unsere Zarathustra Hybris auch Wurzel all der Diskriminierung, Ausgrenzung, Ausbeutung und Umweltzerstörung und benötigt dringend die Prüfung unseres Wertekanons, um die drängenden Fragen unserer Zeit zu lösen.

Dennoch: Der Schöpfer Mensch sitzt auf den Schultern von Giganten, die er meistens nicht einmal kennt. Die Maschine hingegen kennt diese Giganten, kann aber die menschliche Improvisationsgabe, gänzlich Neues zu Schaffen – und sei es mittels Regelverstoßes – kaum imitieren. Eine KI erkennt ein Gefäß immer an seiner Form und Funktion, nicht aber, welchen Dingen Menschen die Funktion eines Gefäßes verleihen und wie sie durch künstlerische Schöpfung eine neue Form erschaffen können. Diese Kunst beherrscht die KI nicht. Nur durch die Interaktion von Menschen und Maschinen entsteht Neues, denn KI bleibt immer ein stillstehendes Gedächtnis von trainierten Inhalten – sie hinkt uns hinterher.

Zweifel, Zerstörungslust, Neid, Trauer – all jene schmerzlichen Momente kann KI simulieren, aber niemals nachempfinden. Aus den Kränkungen und der Endlichkeit der menschlichen Existenz erwächst die Stärke des Schöpfens. Vielleicht ist die Kränkung der Ausweg aus der Aufmerksamkeitsökonomie hin zu mehr Individualität?

Im vergangenen Jahrhundert schrieb der Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimov über die Analogie von Intelligenz und Energie und über das Potenzial der Intelligenz, das Universum selbst zu beeinflussen. Ein von den Menschen gebauter Supercomputer soll die Antwort auf die ultimative Frage unter anderem nach dem Sinn des Lebens und dem des Universums finden. Die KI Multivac arbeitet über Jahrhunderte hinweg, bis sie schließlich erkennt, dass die Entropie des Universums, also das Maß für die Unordnung und Unvorhersehbarkeit, maximal wird. Daraufhin sagt der Computer: „Lasst Licht sein!“ und löst damit die Entropieumkehr aus, die schließlich zur Entstehung eines neuen Universums führt.

Autor*in:
Bruno Kramm

→ Bruno Kramm ist Musiker, Produzent und Geschäftsführer des KI-Unternehmens Infinite Devices. Seit 2020 ist er Leiter der AG Kultur im KI Verband Deutschland und fungiert als Experte für das KI-Observatorium des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS).